Fachkolumne „Hinter der Fassade“

Die atmende Wand

By Knauf Insulation
29. Oktober 2019

Das Märchen der atmenden Wände ist fast 200 Jahre alt. Seine Ursprünge gehen auf eine Theorie des Chemikers und Hygienikers Max Josef von Pettenkofer (1818–1901) zurück, der davon ausging, dass durchlässige Baustoffe den Luftwechsel im Gebäude sicherstellen. Seine Theorie wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts widerlegt. Die Idee hält sich jedoch bis heute hartnäckig in der Baubranche. Ein Fehler!

Ich habe es vor Kurzem selbst wieder erlebt: Eine Gruppe Handwerker diskutierte auf einer Veranstaltung die aus ihrer Sicht optimale Gebäudehülle – vor einem Modell, das einen modernen Außenwand-Systemaufbau zeigte. Schnell waren sie sich einig! Zu dicht darf die Hülle nicht sein, sonst kann die Wand nicht mehr atmen.

Stellt man sich nun das arme Haus mit zugeschnürter Kehle und die Bewohner, die nach Luft schnappen, bildlich vor, wird einem angst und bange. Da wundert es mich nicht, dass die Skepsis vor einer möglichst luftdichten Bauweise und dicken Dämmschichten nach wie vor groß ist. Nicht nur in der Welt der Bauherren, sondern auch unter Bau-Profis wird oft behauptet: Wände müssen atmen, damit das Raumklima gesund ist und kein Schimmel entsteht.

Das Raumklima

Es ist absolut richtig: Ein gesundes Raumklima muss in jedem Fall gewährleistet sein. Hierfür ist ein ausreichender Luftwechsel wichtig. Meistens liegt die Konzentration von Feuchte, Kohlendioxid oder Schadstoffen in den Innenräumen erheblich über der in der Außenluft.

Um ein gesundes Innenraumklima und das Wohlbefinden der Bewohner sicherzustellen, ist ein Mindestluftwechsel von n = 0,5 bis 0,7 [l/h] erforderlich. Vor allem durch einen effektiven Luftwechsel werden Feuchtigkeit und Schadstoffe aus der Raumluft abtransportiert und Feuchteschäden sowie Schimmelpilzbildung vermieden. Die Frage ist nun, ob eine vermeintlich atmende Wand diesen Luftwechsel schafft.

Wände atmen nicht

Nein, Baustoffe und auch schlecht ausgeführte Wand- und Dachkonstruktionen können den erforderlichen hygienischen Luftwechsel nicht sicherstellen. Sie können auch nicht vor Schimmel schützen. Das wies Erwin Raisch bereits im Jahr 1928 in seiner Arbeit "Die Luftdurchlässigkeit von Baustoffen und Baukonstruktionsteilen" nach und entkräftete damit die Ergebnisse von Max Josef von Pettenkofer.

Atmende Wände im Sinne der undichten Außenhaut sind vor allem für eines verantwortlich: hohen Energieverlust. Früher, als sich Menschen dichtere Wände, Dächer und Fenster gewünscht haben, damit die mühsam erzeugte Wärme nicht hinausgeweht wird, war es leichter zu erkennen, welch negativen Einfluss unkontrollierter Luftwechsel hat. Heute findet dieser unkontrollierte Luftwechsel versteckter, unauffälliger und weniger gravierend statt, weshalb ihm vielleicht weniger Bedeutung beigemessen wird. Zuggefühl, ein unangenehmes Raumklima, ausgekühlte Wandflächen und Kaltluft über dem Fußboden sind häufig Indizien, dass die Heizwärme nicht im Wohnraum bleibt, wo sie hingehört. In diesen Fällen besteht Optimierungsbedarf.

Wie wird gesunder Luftwechsel sichergestellt?

Um solche Wärmeverluste und Komforteinbußen zu vermeiden, „atmen“ moderne Gebäudehüllen nicht. Sie sind stattdessen luftdicht, wodurch Heizenergieverluste minimiert werden. Luftdicht heißt dabei, ein Bauteil ist so dicht wie eine gemauerte und sorgfältig verputzte Wand. Dazu gehört: Fenster schließen lückenlos und Leichtbaukonstruktionen, wie Dächer, sind mit Luftdichtheitsschichten, bestehend aus Dampfbremsen, versehen.

Der Luftwechsel wird durch richtiges und ausreichendes Lüften – Stichwort Stoßlüften – oder durch Lüftungsanlagen sichergestellt. Auf diese Weise findet der Luftwechsel effizient statt, ohne dass der Vorgarten mitbeheizt wird.

Dicht und dennoch offen

Luftdicht heißt jedoch ausdrücklich nicht hermetisch versiegelt. Die heute gängige und wo immer möglich zu bevorzugende Bauweise ist luftdicht und gleichzeitig diffusionsoffen. Zugluft sowie unkontrollierter Luftwechsel werden verhindert und der Heizenergieverlust klein gehalten. Feuchtigkeit, die in der Raumluft vorhanden ist, kann jedoch in einem gewissen Maße von innen nach außen durch die Gebäudehülle wandern – zugegebenermaßen langsam, aber dafür kontinuierlich und sehr effektiv, bis sie an der Außenseite angekommen ist. Wichtig ist dabei nur, dass die in der Luft gelöste Feuchtigkeit nicht auf ihrem Weg nach draußen auf den Taupunkt trifft und zu Kondenswasser wird.

Womit wir wieder bei den Systemaufbauten aus dem vorher genannten Modell gelandet sind. Es gibt für jede Wand einen optimalen Aufbau – sei es im Neubau oder bei einer Sanierung einer alten Grundsubstanz. Mit dem erforderlichen Know-how können die richtigen Dämmstoffe, zum Beispiel diffusionsoffene und nichtbrennbare Mineralwolle-Putzträgerdämmplatten, mit geeigneten Putzsystemen kombiniert werden, um Gebäudehüllen zu schaffen die beides sind – dicht und gleichzeitig offen. Bauteilberechnungen stellen sicher, dass die Konstruktionen sicher sind und beispielsweise kein Tauwasser ein Bauteil schleichend durchfeuchtet. Atmen müssen aber dabei weder die Baustoffe noch die Wände können.

Unser Autor

Michael Leibold ist Produktsegmentmanager WDVS, Flachdach & Blowing Wool bei Knauf Insulation. In seiner Fachkolumne „Hinter der Fassade“ beleuchtet er Themen aus dem Fassadenbereich und erläutert Lösungen für branchenbekannte Herausforderungen. Mehr unter: www.knaufinsulation.de/hinter-der-fassade

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