Energieeffizienz durch Modernisierung und ihre Hürden

Erstellt von Knauf Insulation am 29. Juli 2022

Die aktuelle Energiekrise führt Verbrauchern und der Industrie schmerzlich vor Augen, welche Folgen Abhängigkeit von Energieträgern haben kann.

Die Situation zeigt deutlich, dass in der Vergangenheit offenbar zu wenig erreicht wurde, um eine nachhaltige Energiewende in Deutschland zu ermöglichen. Insbesondere das Thema Energieeffizienz in Bestandsgebäuden blieb hinter den Erwartungen zurück, obwohl alleine hier rund 35 Prozent der Energie in Deutschland verbraucht werden und dadurch enormes Sparpotenzial besteht.

 

Abhängigkeit statt Freiheit

Die Politik spricht in der letzten Zeit gerne von „Freiheitsenergien“, wenn es um erneuerbare Energien zur Deckung des Energiebedarfs Deutschlands geht. Gemeint sind beispielsweise Windkraft und Solarenergie, die sukzessive ausgebaut werden sollen, um den Bedarf an fossilen Energieträgern zu reduzieren. Dass dieser Schritt generell und nicht nur aufgrund der potenziellen Vermeidung von Treibhausgasen wichtig ist, hat uns die jüngste Energiekrise mit explodierenden Kosten für Gas und Öl bzw. Benzin und Diesel gezeigt. Das System der Versorgung mit fossilen Brennstoffen ist fragil und krisengefährdet. Deutschland selbst kann nicht auf große Vorkommen zurückgreifen oder könnte diese nur durch massive Umwelteingriffe (z.B. Fracking oder Tagebau) nutzbar machen. Dazu kommt, dass der Gashahn sprichwörtlich von einem Tag auf den anderen durch Dritte zugedreht werden kann.

 

 

Zwickmühle Energieversorgung

Gleichzeitig ist Deutschland aktuell noch nicht in der Lage, den enormen Energiebedarf des Landes aus dem Stand alleine durch eigene, regenerative Energieträger zu decken. Immerhin ist die Bundesrepublik die viertgrößte Industrienation der Welt. Letztendlich werden deshalb auch die Laufzeiten von Kernkraftwerken diskutiert, die eigentlich abgeschaltet werden sollten. Es genügt schließlich nicht, den aktuellen Strombedarf der deutschen Bevölkerung zu decken. Dieser wird nämlich potenziell deutlich ansteigen – so der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) sowie das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) übereinstimmend. Alleine die angestrebte E-Mobilität sorgt für einen zunehmenden Strombedarf. Wärmepumpen, die Gas- und Ölheizungen ablösen sollen, benötigen ebenfalls Energie aus der Steckdose. Nicht von ungefähr wird das Wort „Blackout“ mittlerweile nicht nur von Kritikern der Energiepolitik in den Mund genommen – auch wenn dieser nur ein Worst-Case-Szenario ist.

 

 

Dazu kommt der enorme Energiebedarf der Industrie, die sich ebenfalls von fossilen Brennstoffen lösen soll. Ziel ist es hier beispielsweise, sich schrittweise von Gas und Öl abzuwenden und beispielsweise auf synthetische Energieträger wie Wasserstoff umzustellen. Dessen Erzeugung durch Elektrolyse braucht jedoch wiederum enorme Mengen Strom – im besten Fall aus Sonne oder Wind und nicht aus Gas- oder Kohlekraftwerken. Alleine an der Erzeugungs-Schraube zu drehen und den Bau von neuen Windrädern und Photovoltaik-Anlagen massiv zu beschleunigen und auszuweiten, wird also keineswegs reichen, um die Herausforderungen der Energiewende zu bewältigen.

 

Energieeffizienz ist essenziell

Ohne effektive Verbrauchssenkungen wird die Energiewende nicht gelingen. Das Potenzial für Einsparungen ist trotz zahlreicher Bemühungen der vergangenen Jahrzehnte nach wie vor hoch – insbesondere in einem Bereich: Nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Europäischen Union, entfallen alleine 35 Prozent des Energieverbrauchs auf den Gebäudebestand – also auf Häuser, Gebäudekomplexe und Hallen für private und gewerbliche Verwendungszwecke. Der überragende Teil – rund 85 Prozent – der Energie werden für die Heizwärme, Kühlung und Warmwasseraufbereitung der Gebäude benötigt. Setzt man nun voraus, dass die günstigste und nachhaltigste Energie die ist, die nicht verbraucht wird, ergibt sich für Gebäude ein recht einleuchtendes Handlungsschema.

 

 

Zuerst die Hülle

Bevor energieeffiziente, neue Heizungsanlagen in einem Gebäude installiert werden, ist es in jedem Fall ratsam, alle wirtschaftlich lohnenden Möglichkeiten zur Optimierung der Gebäudehülle wahrzunehmen. Hindert man Wärme mit Hilfe von Dämmung im Winter davor, das Haus zu verlassen, muss frische Luft nicht erneut aufgeheizt werden. Im Sommer wiederum müssen Gebäude, deren Hüllen sich dank gedämmter Dächer und Wände weniger stark aufheizen, auch weniger gekühlt werden, um angenehme Raumtemperaturen zu schaffen. Selbst wenn Energie kein knappes Gut wäre und günstig sein sollte, was sie aktuell wahrlich nicht ist, wäre dies der effektivste Weg, Kosten zu sparen. Die Investitionen in die Gebäudehülle amortisieren sich, je nach Umfang, in vertretbaren Zeiträumen von ca. 5 bis 30 Jahren. Steigende Energiekosten beschleunigen den Amortisationsprozess sogar. Es muss also generell niemand frieren oder schwitzen, um die Energiewende zu unterstützen.

 

 

Neu ist der Gedanke der effizienten Gebäudehülle daher nicht. Die erste Wärmeschutzverordnung trat in Deutschland bereits im Jahr 1977 in Kraft. Diese wurde Anfang der 2000er Jahre durch die Energieeinsparverordnung EnEV abgelöst, welche wiederum 2020 durch das Gebäudeenergiegesetz GEG ersetzt wurde. Mit jeder Novelle der Energiespar-Gesetze wurden in der Regel Mindestanforderungen – zum Beispiel an U-Werte von Bauteilen – aktualisiert und verschärft. Mit Erfolg: Neue Gebäude weisen hervorragende Verbrauchswerte auf. Manche produzieren durch Photovoltaik sogar mehr Energie, als sie verbrauchen. Und auch sanierte Bestandsgebäude haben heute ein energetisches Niveau, von dem man in den 1980er Jahren nur träumen konnte. Weshalb werden dann immer noch 35 Prozent der Energie in Gebäuden verbraucht?

 

Der Sanierungsstau

Es wird schlichtweg zu wenig modernisiert: Die Sanierungsquote, der entscheidende Indikator für den Fortschritt der Energieeffizienz-Bemühungen, dümpelt seit Jahren um magere 1Prozent. Das heißt: Nur eines von hundert zu sanierenden Häusern wird in Deutschland pro Jahr auf einen zeitgemäßen energetischen Standard gebracht. Wie viele Gebäude in der gleichen Zeit modernisierungsbedürftig werden, ist kaum zu sagen. Die Bilanz dürfte ernüchternd sein. Doch woran liegt dieser stetige Tritt auf der Stelle?

Anreize für energetische Sanierungen waren in der Vergangenheit durchaus da. So boten Bund, Länder und Kommunen verschiedene Programme, die energieeffizientes Sanieren förderten. Die bislang niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt waren doppelter Anreiz für Investitionen: Zum einen konnte günstiges Geld beschafft und investiert werden, zum anderen bot eine modernisierte Immobilie eine wertstabile Kapitalanlage – ohne sogenannte Strafzinsen. Und dennoch blieb der Boom der Modernisierungen aus. Eine Ursache für dieses Dilemma ist bei der Baubranche zu finden.

 

 

Flaschenhals Bauwirtschaft

Wenn ab morgen keine Bauvorhaben mehr genehmigt würden, könnte die deutsche Bauwirtschaft in der Theorie alleine mit dem Überhang an bereits genehmigten und noch nicht fertiggestellten Bauvorhaben beschäftigt werden – für ganze zwei Jahre. Dieser enorme Bauüberhang ist ein erster Hinweis auf Ursachen der schleppenden Sanierungsquote. Selbst wenn die Bereitschaft zur Modernisierung und Investition in Energieeffizienzmaßnahmen besteht, ist es nicht ohne Weiteres möglich, die Vorhaben umzusetzen. Böse Absicht steckt bei den Fachunternehmen, die Dämmstoffe in Dächern, Decken und Wänden verbauen, nicht dahinter. Ihnen fehlen schlicht die Kapazitäten.

Der Fachkräftemangel hat sich im Baugewerbe mittlerweile zum großen Risiko entwickelt. Zum Jahresbeginn 2022 nannten in der Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags 78 Prozent der Bauunternehmen diesen als Risiko für die eigene wirtschaftliche Entwicklung. 2010 waren es dagegen nur 21 Prozent. Im September 2021 gaben 33,5 Prozent der befragten Hochbau-Betriebe in einer Erhebung des Ifo Instituts an, Probleme bei der Suche nach Fachkräften zu haben. Im Tiefbau klagten 37,9 Prozent über einen Mangel an geeigneten Bewerbern. Doch damit nicht genug.

 

 

Rohstoffe und Material

Die durch Krisen geschüttelten Versorgungsketten und eine gleichzeitig hohe Nachfrage nach Baustoffen führten bereits in den vergangenen Jahren zu Verzögerungen im Baufortschritt. Jeder Baustoffhändler und Handwerker ist es mittlerweile leider gewohnt, länger als üblich auf Lieferungen warten zu müssen. Hersteller von Baustoffen arbeiten am Anschlag, um den Hunger des Marktes irgendwie stillen zu können – ohne Qualitätseinbußen in Kauf nehmen zu müssen. Möglichkeiten für Kapazitätserweiterungen bestehender Anlagen in Produktionsstätten werden bestmöglich genutzt bzw. geplant, doch sind sie keine schnellen Lösungen.

 

 

Eingriffe wie Modernisierungen und Erweiterungen bestehender Produktionslinien müssen im laufenden Betrieb „am offenen Herzen“ geschehen. Den Produktionsbetrieb für einige Wochen zu pausieren, um die Arbeiten in Ruhe zu erledigen, ist angesichts der Auftragslage keine Option. Und „einfach“ neue Werke zu bauen, klingt deutlich leichter als es ist – nicht alleine Aufgrund der gigantischen Investitionsvolumen, die nötig sind. Bis beispielsweise ein neues Dämmstoffwerk die Produktion aufnehmen kann, vergehen Jahre. All dies sind Faktoren, die die Modernisierungsquote im Gebäudebestand selbst bei hoher Investitionsbereitschaft weiter drosseln können. Neue Förderprogramme für energieeffiziente Bau- und Sanierungsvorhaben, die von der Politik beschlossen werden, können diese Probleme nicht einfach lösen.

 

Fazit: Lösungen sind dringend nötig

Deutschland befindet sich in einer Zwickmühle. Eine erfolgreiche Energiewende ist dringend notwendig, um Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen und Lieferanten zu erreichen. Alleine der Ausbau erneuerbarer Energien wird jedoch nicht genügen, um das Ziel zu erreichen. Energieeinsparungen sind dringend nötig. Besonders vielversprechend sind Potenziale zur Einsparung im Gebäudebereich. Diese schnell zu realisieren, scheitert jedoch an der schleppenden Sanierungsquote. Ein klarer Fokus auf die zügige Modernisierung des Gebäudebestands ist wichtig.

Die Baubranche muss durch die Politik effektiv unterstützt werden, drängende Probleme wie den Fachkräftemangel unbürokratisch zu lösen. Selbst wenn Baustoffe und Bauvorhaben in Hülle und Fülle vorhanden wären, könnten Sanierungen nicht ohne qualifizierte Handwerker umgesetzt werden. Die Bereitschaft und der Wille der Branche, die Energiewende zu schaffen, sind da – sowohl von Seiten der Handwerker als auch der Hersteller.

 

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